
Martin Frank – Venedig, 1911. Eine Entsublimierung
Was ist hier los: Hat dieser Roman wirklich gar keine Rezension verdient? Warum, warum geht die „literarische Welt“ hieran so achtlos vorbei? Das Buch überzeugt auf so vielen Ebenen. Es ist ein kunstvolles Spiel mit Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“, deren Motiven und deren Echo, in erster Linie der Filmadaption von Lucchino Visconti.
Der eine
Ein Autor „von europäischem Rang“ (Selbstbeschreibung des Protagonisten), also ein einigermaßen eingebildeter (aber gutsituierter) Schriftsteller, nistet sich im Grand Hotel des Bains auf dem Lido von Venedig ein. Dort lebt er seine reichlich pädophilen Triebe aus, mithilfe des Hotelchefs (Denis), was die Umwelt durchaus mitbekommt, aber mit heimlichem und weniger heimlichem Lachen überspielt. Als Gegenpol ist da Gustav von Aschenbach, der Komponist, gleichzeitig zu Gast im selben Haus, immer am Arbeiten, der von dem Autor „Paul Thomas“ missgünstig und eifersüchtig beäugt wird. Er sublimiert – und ist nur am Arbeiten; keiner Versuchung fällt er anheim. Der Herr Thomas dagegen vergnügt sich unterdessen mit dem „Knaben“ Tazio (nicht Tadzio) und anderen Jugendlichen, und zwar gänzlich unsublimiert, auf unangenehm verklemmte, später auch sadistische Weise.
Der andere
Soweit, so gar nicht gut. Aber parallel erzählt die Geschichte dieser Begegnung auch Tazio, ein missbrauchter, verkaufter Jüngling, inzwischen Jugendlicher, dessen Not (und die von dessen Familie) gnadenlos ausgenützt wird, der zum Stricher gemacht wird, der Hochstapler werden muss, um sein Leben zu fristen, der sich als „Contino“, also als Gräfchen, aber auch als 11-Jähriger ausgeben muss, um ins Beuteschema von Paul Thomas zu passen, der aber doch deutlich älter ist, selbstbewusster und selbstbestimmter (auch sexuell), insbesondere darin, dass er genau weiß, dass er einen „Beschützer“ braucht, um durchs Leben zu kommen. An dieser Aufgabe scheitert ein Herr Thomas kläglich, der ihn einfach missbraucht und anschließend sitzen lässt. (Und das Erlebte dann zur Kunst „sublimiert“ – soweit dessen vollmundige Ankündigung im Roman.) Tazio also dient Thomas sexuell, verliebt sich aber in Emerigo, einen Gleichaltrigen, der anscheinend eine parallele Existenz lebt, und gerade dem bringt Tazio eine Schale Früchte … die vermutlich dessen raschen Cholera-Tod bewirkt; ja, die Motive von Manns Novelle werden hier in vielfältiger und überraschender Weise variiert. „Tod in Venedig“ eben; der Herr Aschenbach, bei dem Tazio nur auf dem Sofa liegt (nackt, als odaliskenhafte Versuchung), während der Komponist komponiert, hockt am Ende tot am Schreibtisch, während Paul Thomas rechtzeitig abreist, abgeholt von seiner Frau „Hedwig“, und schon auf der Fahrt zurück nach München eine Novelle über den „Tod in Venedig“ zu konzipieren beginnt, während ihm also sein Tazio ins Irreale abgleitet, zum Tadzio „sublimiert“ wird. Während der reale Tazio eine neue Orientierungsperson für sein Leben sucht – im Zuhälter von Emerigo, Captain Skinner. Ist das der Schluss? Nein, es folgt eine bühnenreife Wendung zum Happy End.
Das Ende
Aber kann man nicht eigentlich nur schreiben, was man selbst erlebt hat, fragt sich Paul Thomas auf seiner Rückreise nach München – aber eben deshalb hat er ja diese Reise nach Venedig unternommen, mit wohlorganisierter sexueller Erfahrungssammlung. Er hat es ja erlebt, er hat gelebt, er hat sich an einem, nein, einer Reihe junger Erwachsener vergangen. Er wird einem recht schnell ordentlich unsympathisch, dieser Herr Thomas, der nationalistische Antisemit, mit deutlich pädophilem Hang, was sich ja so schön idealisieren, so leicht „sublimieren“ lässt … während man für den sexuell selbstbewussten Stricher Tazio, dessen leichtfertige, lebenslustige Art und dessen schamlose Selbsterkenntnis immer sympathischer wird, auch in seinem immer stärkeren Drang zur Frauenrolle, auch in seiner fast schon masochistischen Passivität, während man für Tazio also immer mehr Mitgefühl und Freundschaft empfindet.
Und jetzt alles zusammen
Soweit, so gut. Aber das ist nicht alles. Das ist hier nicht nur ein Stück Novellenkunst, das um zwei Protagonisten kreist. Das ist auch nicht nur ein originelles Spiel mit den Motiven von Mann und Visconti, das einfach Spaß macht: Wiedererkennen in der Verfremdung. Es ist auch ein enorm kluges Buch: Kein Wunder, dass es sich 282 (!) Anmerkungen leistet, jeweils unten auf der Seite, die man mit Freude nebenbei wahrnimmt – Freude insbesondere dann, wenn man sie nicht braucht. Vom Rimbaud Verlag wunderbar gesetzt, was bei diesem doppelten Erzählstrang eine Herausforderung ist – linksgerückt der Herr Thomas, rechtsgerückt der charmante Tazio – unterbrochen von Orts- und Zeitbenennungen (nein, hier muss nicht groß venedigbeschwärmt werden, das haben andere schon zur Genüge getan) und in Tage und Nächte gegliedert. Spaß machen insbesondere die herrlich unverblümten Auslassungen Tazios, der so gar nicht „sublimiert“.
Und nein, natürlich ist das hier nicht „Thomas Mann“, nicht „Gustav von Aschenbach“ und auch nicht „Tadzio“. Das ist eine wunderbare Jonglage mit all diesen Motiven, die sehr tief geht und nebenbei einige äußerst bittere Grundbedingungen so einer „Sublimierung“, aus der Kunst entsteht bzw. entstehen kann, aufdeckt. Danke, Martin Frank, für dieses Lehrstück – für diesen Spaß.