Aruns Geschichte

 

Aruns Geschichte

OM NAMAH SHIVAYAH!

 

Des Herrn Braut bin ich,

Meine Lippen sind immer auf den Füßen meines Herrn.

 

 

Am Tempelteich

Madhu singt, und sein Lied erzählt von der Schönheit Gott Murugans und ist voll der Süße, ein Tamile zu sein. Madhu ist außerordentlich begabt, und wie ein kräftiger Ringer scheut er sich nicht, seine Stärke zu zeigen. Wir sind Freunde, seitdem wir als Kinder nackt auf der Dorfstraße herumgerannt sind, aber noch immer treibt mir seine Stimme Tränen in die Augen. Wenn er über die Musik spricht, die er in seinen Träumen hört, scheinen seine Augen einen weit entfernten Ort zu sehen, jenseits meines Verständnisses, im Reich der Göttin Saraswati.

Ich will einfach nur Musiker werden, egal ob ich begabt bin oder nicht. Ich träume davon, vor Publikum aufzutreten und nach ÜBERSEE zu gehen. Wenn ich Glück habe, träume ich nachts vom Körper eines bestimmten Mädchens — ich schäme mich davon zu sprechen.

Madhu, Radhu, Vishnu und ich sitzen auf den Stufen des Tempelteichs. Ich kämme mir mit den nassen Fingern ein paar Tropfen duftendes Öl ins Haar, das mir Radhu geschenkt hat, ein effeminierter Nayarjunge, der gerade behutsam Madhus Hals und Nacken massiert.

Neben Madhu sitzt Vishnu, der Sohn des Priesters. Er hat regelmäßige Gesichtszüge, große Augen und einen schlanken, muskulösen Körper. Die Jungen bewundern ihn und die Dorfältesten machen sich Sorgen, denn jedermann vermutet, dass er geheime Affären hat. Ich habe gehört, dass er eingeladen wurde, die Nacht mit dem Sohn eines Industriellen und zwei Frauen in einer Lodge in Ooty zu verbringen. Vishnu ist achtzehn Jahre alt und stolz auf seine Abenteuer. Sein Charakter ist so von Sinnlichkeit geprägt, dass niemand etwas anderes von ihm erwartet.

Hari, mein jüngerer Bruder, steigt aus dem Teich, in dem er mit ein paar Jungen gebadet hat, die eigentlich nicht hierher gehören, Nayars und Geringere als Nayars, sein halbes Kricketteam. Alle tragen nur nasse Unterhosen, und die Jungen machen anzügliche Witze über das, was sich bei Hari darunter abzeichnet. Hari schwingt sich vom Dach des Badehauses zurück ins Wasser. Die alten Männer, die im Schatten sitzen, schimpfen zwar, fügen aber gleich hinzu: „Als wir jung waren, sind wir so oft vom Dach gesprungen, dass es fast eingestürzt ist.“

Auch den alten Knackern fällt nichts Besseres ein, als sich darüber lustig zu machen, dass Haris größte Gabe nicht zwischen seinen Ohren sitzt. Hari tut, als machten ihm die Scherze nichts aus. „Es ist ein Zeichen, dass ich tausend Söhne haben werde.“

Mir geht es auf die Nerven, Tag für Tag den gleichen Scherz zu hören. Die Dorfmädchen werden schon rot, wenn sie Hari in kurzen Hosen Hockey spielen sehen. Er ist der größte Herzensbrecher, ein Sportsheld, Kapitän der Kricketmannschaft und Mitglied jedes Schulsportteams. Er will Gymnastiklehrer werden. Jeder mag ihn, vor allem die Mädchen, die in unserer Küche herumhängen, um einen Blick auf ihn zu erhaschen, und die kleinen Jungen bewundern ihn: Unser Hinterhof ist ihr Kino. Hari imitiert Schauspieler, tanzt, erzählt Witze, singt Filmsongs für sie. Selbst wenn Hari traurig ist, zwingt er sich, fröhlich zu sein.

Mitten in der Nacht, wenn er rausgeht, um auf die Straße zu pissen, trifft er manchmal Vishnu oder einen anderen von unseren Dorfnichtsnutzen und kommt erst nach einer Stunde zurück. „Wir sind im Tempelteich geschwommen, Subbu, Vishnu und ich.“

Ich fühle mich nicht wohl in Gesellschaft der Nayar-Tunichtgute, die nachts im Dorf herumhängen, um der Aufsicht ihrer strengen Tanten zu entgehen, auf der kleinen Brücke sitzen, Haschisch rauchen, unanständige Witze erzählen und Mädchen anpöbeln. Mir wäre lieber, wenn Hari sich von ihnen fernhalten könnte. Doch Hari ist ihr Guru. Sie beten ihn an, Rikschafahrer, Wäschejungen, Teejungen. Was kann ihm ihre Freundschaft schon nützen?

In der Dunkelheit des Badehauses empfinde ich Furcht vor all den großen Fragen. Ich wickle mein Badetuch um die Hüften, ziehe Madhu an der Hand empor, wir gehen.

 

In Purayur

Wir gehen an unserem weißen Dorftempel vorbei, der nur Brahmanen zugänglich ist, ein Relikt unseres Kastensystems. Madhu singt, und durch sein Lied werden der kleine Tempel und sein goldener Wimpel, der in den letzten Sonnenstrahlen glänzt, wieder zu dem, was sie immer waren: das Herz meines Dorfes, ein Teil meiner selbst.

Wir kommen am Dreschplatz vorbei und erreichen dann das eigentliche Dorf. Links stehen unsere Iyer-Häuser, weiß, mit niedrigen Vordächern und Basler Missionsziegeln. Rechts stehen die Häuser von Madhus Iyengar-Clan, weiß, mit niedrigen Vordächern und Basler Missionsziegeln. Dazwischen liegt unsere Dorfstraße, ein breiter Grasstreifen, auf dem wir zuerst nackt, dann in kurzen Hosen und barfuß gespielt haben. Später schlugen wir in unseren Schuluniformen stolz Kricketbälle und träumten davon, Kapitän einer Kricketmannschaft zu werden. Jetzt ist der Grasstreifen die Bühne, der Schauplatz unseres zukünftigen Triumphs, und wir hoffen, nach dem Studium dort eines Tages aus dem Taxi zu steigen.

Madhus Vater sitzt in einem alten Liegestuhl auf der Veranda und liest eine Zeitung. Er arbeitet als Buchhalter in der Niederlassung der Indian Overseas Bank in Palghat. Madhus Mutter und seine Schwestern sitzen auf dem Boden, schwatzen leise miteinander und putzen Gemüse. Eine Magd bringt Tee und der Vorarbeiter Gemüse, Früchte und Bananenblätter. Wie verschieden ist ihr Haushalt von unserem! Wir haben kein anderes Einkommen als den Ertrag unserer Felder.

 

In unserem Haus

Vater liest in einem Magazin. Er ist heute bei einer Gerichtsverhandlung gewesen, es ging um ein Landstück, das er zusammen mit einigen entfernten Cousins geerbt hat. Vater verbringt die Tage lieber in der Kreisstadt Palghat, als unsere Feldarbeiter zu beaufsichtigen. Er sieht sich noch immer mehr als ein Landbesitzer und nicht als Bauer.

 

In unserer Küche

Mutter hat Reisnudeln zubereitet, weil es mein letzter Tag im Dorf ist.

 

Im Hause des Metzgers

Nach dem Essen schleiche ich mich aus dem Haus, um an einem Treffen der lokalen Naxalitenzelle im Haus Ayyapasamys, eines Metzgers, teilzunehmen. Ich fühle mich als Revolutionär, der Verhaftung, Folter und Tod die Stirne bietet, um gegen den indischen Komprador-Kapitalismus zu kämpfen. Ich muss mich auf den roten Terrazzoboden setzen, der aussieht, als wäre er mit frischem Blut gewischt worden. Der rostige alte Ventilator ist zu schwach, um die stickige Luft zu bewegen. Schwärme von Fliegen, die wahrscheinlich zuvor auf einem blutigen Tierkadaver saßen, begrüßen mich. Es stinkt nach gebratenem Fleisch. Mir wird übel, und ich kann das Kotzen nur zurückhalten, indem ich die Zunge gegen den Gaumen presse.

Ich erwartete, dass sie über die Kampagne gegen die Schuldknechtschaft diskutieren. Doch stattdessen gibt mir Ayyappasamy Unterricht in Joga Asanas. Er wiederholt immer wieder vor seinen Töchtern: „Joga steigert die sexuelle Potenz.“ Er nennt mich ständig Mylord wie unsere Arbeiter und tut sein Bestes, mir auf die Nerven zu gehen, indem er über Brahmanen referiert, von Opium für das Volk redet und das Wort Aktion wiederholt, als wäre es ein Zauberwort, das die Welt verändern wird.

Eine von Ayyappasamys zahllosen Töchtern bringt mir einen Stahlbecher. Was immer da drin ist, es riecht nach schlechtem Kaffee und schmeckt wie schlechter Tee. Ich trinke einen Schluck, um zu zeigen, dass ich keine Vorurteile habe.

Auf der anderen Seite des Raums sitzen ein paar übelgelaunte Landarbeiter und Reismühlenarbeiter und argumentieren für einen Landarbeiterstreik, aber als ich frage: „Wie sollen die Arbeiter denn überleben während des Streiks? Was wird aus der Ernte?“, antwortet niemand. Der Kerl von der Telefonzentrale in Palghat, der mich hergebracht hat, sitzt neben mir und schweigt. Schämt er sich für ihre Dummheit oder meine?

Einer der missmutigen Landarbeiter fragt mich über unsere Felder aus, wie wir so viel Land behalten konnten, obwohl der Landbesitz gesetzlich geregelt ist, und ob Vater selbst in den Feldern arbeitet. Wollen sie uns denunzieren?

In einem Büchergestell stehen ein paar politische Bücher. Die Wände sind dekoriert mit Bildern von kommunistischen Führern. Über der Tür hängt eine Kugel aus Kuhmist mit ein paar Reishalmen darin; mit Ayyappasamys Atheismus ist es demnach nicht allzu weit her. In der Ecke mir gegenüber steht ein alter Schrank mit einer großen Spiegeltür. Statt ihrer sinnlosen Diskussion zuzuhören, studiere ich mein Spiegelbild. Stimmt es, dass ich wie Sanjay Gandhi aussehe? Ist meine Haut hell genug, um einem Mädchen zu gefallen? Verglichen mit den Gesichtern neben mir wirke ich hell. Die Landarbeiter sehen aus wie Ureinwohner. Auf dem Rückweg im Dunkeln kommt mir der Verdacht, dass das ganze Treffen eine Täuschung war, weil sie mir nicht vertrauen.

 

Purayur

Ich sehe keine Möglichkeit, an die Universität zurückzukehren. Wie kann ich studieren ohne Geld? Ich habe zwar ein Stipendium, das die Studiengebühren bezahlt, doch Wohnheim, Essen, „kleine Geschenke“ und Beiträge für die Studentenorganisation muss ich selbst bezahlen. Mein Geld reicht nicht einmal für das Zugticket! Ich denke, Ich gehe nicht, aber ich weiß, dass ich gehen werde. Ich darf mein Problem Vater und Mutter gegenüber nicht erwähnen, sie können mir nicht helfen. Statt der Katastrophe in den Rachen zu schauen, tue ich so, als würde ich glauben, dass der reiche Philanthrop Dr. Raja Krishna Menon, der Raja von Kollengode, mich unterstützen wird, oder dass mein Lehrer den großen Mridangam-Spieler Palghat Mani Iyer um Hilfe bitten wird. Aber keines dieser Wunder wird sich ereignen.

 

Im oberen Zimmer

Nachts, als ich neben Hari liege, frage ich ihn: „Was denkst du, jüngerer Bruder?“

Nichts, älterer Bruder. Es ist besser, nicht zu denken.“

Warum? Was ist damit nicht in Ordnung?“

Denken ändert nichts. Dinge lassen sich nicht wegdenken.“

Die Hitze in unserem Zimmer ist trotz der offenen Fenster und der zwei rostigen Ventilatoren unerträglich. Hari setzt sich auf und sagt: „Ich kann nicht schlafen.“ Er verlässt das Haus, um sich im Tempelteich abzukühlen. Ich kann auch nicht schlafen, und um nicht an meine Sorgen zu denken, denke ich an eine gewisse Person. Mein offizieller Plan ist, reich zu heiraten, und das später wiedergutzumachen, indem ich ein berühmter Musiker werde. Ich würde ohne zu zögern in einer klimatisierten Hölle leben, um das zu erreichen. Nur, meine Chancen ein reiches Mädchen zu heiraten, selbst wenn sie schwarz ist wie ein Wasserbüffel, sind nun mal gleich null. Mein geheimer Plan ist einfacher: Meine Hände unter das Hemdchen eines Mädchens zu schieben und mit den Lippen ihre Haut berühren.

Der Gedanke an den Geruch eines Mädchenhemdchens macht mich wahnsinnig. Ich habe sogar schon einmal Windsor-Talkumpuder für Mutter gekauft, um mich an dem Duft zu berauschen.

Als Hari zurückkommt, erschöpft und nass, versprechen wir einander, dass wir immer für Mutter und Vater und für einander sorgen wollen. Hari respektiert mich mehr, als ich es verdiene. Er schläft dicht neben mir ein, als würde er immer noch glauben, dass ich ihn beschützen kann. Ich lege den Arm um ihn. Es ist meine Pflicht, mich um ihn zu kümmern, doch jetzt kann ich nicht einmal mir selbst helfen.

Endlich schlafe ich ein, doch ich träume nicht die Träume, die ich mir wünsche. In der Frühe wecken mich die Stimmen der Frauen draußen, die im Dunkeln zu arbeiten beginnen. Ich wünsche verzweifelt, dass es wieder gestern wäre und das Heute erst morgen beginnt, doch was kann ich machen? Wenn ich den Mund öffne, schnappt das Schicksal gleich zu. Soll ich mein Glück nicht zumindest versuchen?

 

In unserem Badehaus

Als ich die schweren Holztüren schließe, kommt es mir vor, als schlösse ich damit meine Probleme aus. Nach der klebrigen Hitze der Nacht, den Stunden von Halbschlaf und obszönen Gedanken, bin ich geborgen in der rauchigen, nach verbrannten Palmblättern riechenden Dunkelheit unseres Badehauses. Ich werde wieder zu dem kleinen Jungen, der sich zum ersten Mal alleine nackt in diesem dunklen und warmen Raum waschen durfte. Von draußen höre ich den schweren Atem unserer Ochsen und die Stimmen der Vögel in den Bäumen. Nackt in dieser Welt der Töne spüre ich meinen Körper, die Begierde. Ich will jetzt lieben und geliebt werden.

Beim Waschen sind meine Gedanken ein erbärmlicher Dialog zwischen mir und mir, in dem ich mich anklage und wieder entschuldige, meinen Traum mit meinem Traum rechtfertige. Ich bin dumm, doch meine Dummheit scheint für meinen zukünftigen Erfolg notwendig zu sein. Den Satz zu sagen, Ich mache einen Handelsabschluss und versuche, einen Job in einer Bank zu bekommen, wäre das Schlimmste, das ich mir vorstellen kann.

Während ich mich abtrockne, überkommt mich schon die Angst davor, das Badehaus zu verlassen. Außerhalb des warmen Halbdunkels lauert die schreckliche Wahrheit.

Ich entriegle und öffne die Tür zum Garten, entschlossen, meinem Traum alles andere zu opfern. Ich fürchte mich nicht. Ich habe die Gewissheit, dass der Traum mich für meine Treue belohnen und mein Leiden mit einem süßen Tod enden wird, romantisch und traurig, warmes Blut, das aus den Venen rinnt.

 

In der Küche

Solange ich frühstücke, hoffe ich noch, dass jemand mit einer guten Nachricht ins Haus stürmen wird, dass ein Brief oder ein Telegramm ankommen wird, aber nichts passiert.

Mutter spricht über das, was ihr auf dem Herzen liegt, meine Heirat. „Mach dir keine Sorgen, Sohn! Mit Hilfe des Astrologen werden wir ein passendes Mädchen finden. Die Zeiten haben sich geändert, du darfst sie kennenlernen, bevor ihr euch entscheidet …“

Ist gut, Mutter!“

 

Im oberen Zimmer

Madhu ist noch nicht bereit zum Aufbruch, und ich lese in einer staubigen Romanze; Tränen der Scham erzählt von einer jungen Inderin, die von einem NRI verführt wird, der in ÜBERSEE bereits verheiratet ist. Es ist schon so heiß, dass ich meine schweißigen Hände am Dhoti abwischen muss, bevor ich umblättern kann.

Was, wenn ich die Frau nicht mag, die Vater für mich auswählt? Was, wenn sie mich nicht liebt und nur hofft, dass ich nicht sterbe und sie zu einer jungen Witwe mache?

Ich schließe die Augen und stelle mir vor, was ich mir am liebsten vorstelle: Dass Mary, das gewisse Mädchen, sich in mich verlieben wird, und dass sie sich wünscht, dass ich sie berühre und küsse. Mary ist katholisch. Ihre Eltern müssen halbe Anglo-Inder sein, wer weiß, ob sie nicht zuhause Englisch sprechen? Ich vermute noch eine Menge mehr, aber ich will nicht über christliche Essgewohnheiten nachdenken.

Früher haben Jungen mit dreizehn oder vierzehn, Mädchen mit zwölf geheiratet. Wie wundervoll muss es gewesen sein, zu genießen, wenn die Begierde da ist, statt einsame Nächte zu verbringen, oder gegenseitige Befriedigung mit einem Freund zu suchen – oder gar geheime Affären, die Vater und Mutter verletzen.

 

In unserem Haustempel

Ich verabschiede mich um elf Uhr mit Tränen in den Augen von Vater und Mutter, indem ich mich vor ihnen niederwerfe und ihre Füße berühre.

 

OM NAMAH SHIVAYAH!