
"O Braço Direito" [Die rechte Hand] von Otto Lara Resende war eines der ersten zwei Bücher in portugiesisch, die ich kaufte... in einer wunderbaren alten Buchhandlung im Zentrum von Lissabon. Das andere Buch war "O Grande Sertão: Veredas" von João Guimarães Rosa (1908-1967), bis heute eines meiner Lieblingsbücher.
Otto Lara Resende (1922-1992) war ein erfolgreicher brasilianischer Journalist und ein bekannter Autor. "O Braço Direito" (1963) ist mit grossem Abstand sein bestes und bekanntestes Buch.
"O Braço Direito" (1963) erzählt die Geschichte Laurindo Flores, eines dreissigjährigen frommen Jungmannes (eine männliche Jungfrau) aus Divinopolis (Minas Gerais), der auf seine Berufung wartet. Endlich macht ihn Gott, vertreten durch den Pfarrer von São João del-Rei (Minas Gerais), eines Städtchens im Hinterland, zum Leiter eines kleinen Waisenhauses. Laurindos Tagebuch beschreibt in einer von den Evangelien inspirierten Sprache, wie sein Glaube an Gott, an den Pfarrer, der das Waisenhaus unter sich hat, an den Wohltäter, der das Waisenhaus finanziert, an die Unschuld der Kinder und an sich selbst zerbröckelt, bis er zuletzt durch ein Fenster flüchten muss, um der Verhaftung zu entgehen.
Otto Lara Resende hat das Buch 1963 im Selbstverlag veröffentlicht; grosse Verlage druckten es nach; es wurde auf englisch übersetzt und verfilmt... aber das ist nicht, was ich sagen möchte:
Otto Lara Resende hat von 1962 bis zu seinem Tod an dem Roman weitergearbeitet. Jede neue Ausgabe war schlechter als die vorhergehende. Die "definitive" Ausgabe ist die fünfte. Mit dem grossartigen Text von 1963 teilt die fünfte Ausgabe nur noch die "story", die Personen und das "setting". Heute ist die Ausgabe von 1963 antiquarisch nicht mehr zu finden, online nur auf Anna's Archive. Otto Lara Resende hat "O Braço Direito" (1963), den einzigen Text, der ihn überdauert hätte, ausgelöscht.
Ich verstehe allzugut, wenn ein Autor, der in einer Sternstunde einen ausserordentlichen Text geschrieben hat, sich nicht eingestehen will, dass er Jahre später diesen Text nicht besser schreiben kann. Es ist mir eine Lehre, meine alten Bücher nicht mehr anzurühren.